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Die Rauschbrille gab Einblicke
„Alkohol? Erkenn’ Dein Limit!“ lautete das Motto der bundesweiten Aktionswoche, in deren Veranstalterreihe sich jetzt auch Duisburg einreihte. In Zusammenarbeit mit vielen Institutionen organisierte die Stadt im Einkaufszentrum „Forum“ ein dreitägiges Info- und Aktions-Programm über und gegen Alkohol. Im Mittelpunkt dieser Aktion standen Jugendliche und junge Heranwachsende, die laut Statistiken der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung immer früher mit Alkohol in Kontakt kommen und nicht selten mit 14 Jahren schon erste Rauscherfahrungen sammeln.
Auch Regenbogen Duisburg beteiligte sich an dem Projekt, dessen Beson-derheit darin lag, dass alle teilnehmenden Hilfeanbieter und Hilfesysteme ihre Ideen und Erfahrungen für die Interessierten in einem großen Wissenspool zusammengefasst hatten. Zudem konnte man mit einer „Rauschbrille“ erfahren, wie sehr Alkoholgenuss die Geschicklichkeit be-einträchtigt. Bei einem nichtalkoholischen Cocktail konnte man mit anderen ins Gespräch kommen. Bei einem Quiz testeten Neugierige ihr Wissen zum Thema Alkohol. Eine der Fragen: Wie viele Kinder und Jugendliche in Deutschland sind aktuell alkoholab-hängig oder stark gefährdet: a) 50.000 b) 100.000 oder c) 250.000?
Die erschreckende richtige Antwort ist Antwort C!
Während der Aktion wurde deutlich, dass viele Jugendliche schon gut über die Gefahren des (frühen) Alkoholkonsums aufgeklärt sind. Allerdings wurde offensichtlich, dass vie-le Schüler nicht nur über theoretisches Wissen, sondern auch über praktische Erfahrungen verfügen.
Umgang mit suchtkranken Menschen
Die Arbeit von Regenbogen Duisburg wird häufig gleichgesetzt mit Hilfe für psychisch kranke Menschen. Doch viele der von uns betreuten Personen müssen neben der psychischen Behinderung auch eine Abhängigkeitserkrankung bewältigen. Dabei ist oft nicht mehr zu beurteilen, welche Erkrankung im Vordergrund steht. Denn in vielen Fällen hat sich in der Folge jahrelanger nicht diagnostizierter und unbehandelter psychischer Störungen durch „Spannungsabbau“ mit Alkohol oder anderen Suchtstoffen zusätzlich eine Abhängigkeitserkrankung herausgebildet. In anderen Fällen wurden Psychosen erst durch Drogen ausgelöst.
Das Leistungsangebot des Wohnverbunds bezieht sich daher immer auf psychisch kranke und suchtkranke Menschen. Aber auch auf Menschen mit Komorbidität, also Menschen, die neben einer Grunderkrankung weitere Krankheitsbilder aufweisen.
Für die Betroffenen geht es deshalb darum zu lernen mit der psychischen Behinderung umzugehen und möglichst lange abstinent zu leben. Nicht selten stehen aber nur noch das Abwenden der drohenden Obdachlosigkeit oder gar die reine Sicherung des Überlebens im Vordergrund.
Für die Mitarbeiter des Wohnverbundes sind diese Situationen Alltag. Dennoch bietet der „Blick über den Tellerrand“ stets neue Perspektiven. Alle Teams setzten sich in den vergangenen Wochen im Rahmen einer internen Fortbildungsreihe mit neuen Entwicklungen in der Behandlung und Begleitung von suchtkranken Menschen auseinander. Neue Informationen zu Entstehungsbedingungen, Einblicke in die „Szene“ und eine Übersicht über Suchthilfe-Einrichtungen wurden vorgestellt und diskutiert.
Dr. Sebastian Kühl,
Bereichsleiter Wohnverbund
Wohnheim = Männerwohnheim?
Wie in jedem Jahr wurden für 2006 die Daten der Bewohner, die in den Einrichtungen des Regenbogen e.V. leben, statistisch ausgewertet. Besonders auffällig stellte sich dabei die Verteilung der Geschlechter dar: Bei den ambulanten Angeboten der Kontakt- und Beratungsstellen und Tagesstätten hält sich der Anteil der Männer und Frauen die Waage. In den Wohnheimen jedoch überwiegen ganz deutlich Männer. Sie stellen in der Heiligenbaumstraße 72% im Worringer Reitweg 80% der Bewohner. Dass sich diese Tendenz fortsetzt, zeigt sich darin, dass 2006 ausschließlich Männer in den Wohnheimen aufgenommen wurden.
Natürlich liegt die Frage nach der Ursache für diese Entwicklung nahe. Die Annahme, dass Frauen seltener an psychischen Erkrankungen leiden, wird durch Studien widerlegt. Was ist also der Grund dafür, dass Frauen ambulante Hilfsangebote annehmen, jedoch in den Wohnheimen unterrepräsentiert sind?
Häufig wird die These vertreten, dass Frauen eher eigene „Warnsignale“ wahrnehmen und die Bereitschaft größer ist, sich frühzeitig fachliche Hilfe zu holen. Dies könnte ein Grund dafür sein, dass stationäre Hilfen erst gar nicht notwendig werden.
Auch wird Frauen eine größere Akzeptanz gegenüber neuroleptischen Medikamenten unterstellt, wodurch schnell eine Stabilisierung der Situation gegeben ist. Negativ betrachtet, muss hier jedoch durch unkritische Medikamenteneinnahme die Gefahr der Abhängigkeit genannt werden. Als „Kehrseite” der größeren Akzeptanz wird oft beschrieben, dass Frauen eher als Männer dazu neigen, missbräuchlich mit Medikamenten umzugehen. Dieses Problem bleibt wegen seiner „sozialen Unauffälligkeit” oft unerkannt. Der massive Männerüberschuss in den Wohnheimen ist durch diese Thesen allein nicht zu erklären.
Viele der im vergangenen Jahr in die Wohnheime aufgenommenen Männer kamen aus einer Justizvollzugsanstalt, einer forensischen Klinik oder anderen stationären Wohnformen. Andere lebten bei den Eltern, bis diese aufgrund eines eigenen höheren Lebensalters mit der Betreuung ihrer Söhne überfordert waren.
Es ist bekannt, dass Männer in Justizvollzugsanstalten und foren-sischen Kliniken überwiegen und Frauen weniger dazu neigen, bis ins Erwachsenenalter bei den Eltern zu leben. Jedoch stellt der Einzug in ein Wohnheim für Männer oft nur einen Wechsel „von einer Institution in die andere“ dar und ist daher leichter zu akzeptieren.
Frauen, die sich – meist auf Anraten der gesetzlichen Betreuung – über einen Wohnheimplatz informieren, leben fast ausschließlich in der eigenen Wohnung. Ihnen fällt es dann natürlich deutlich schwerer, sich für einen Wohnheimaufenthalt zu entscheiden. Darüber hinaus ist es – wenn sie Kinder haben und Besuchskontakte bestehen – für Frauen sehr schambesetzt im Wohnheim zu leben.
Es ist positiv, wenn es Frauen gelingt mit ambulanten Hilfen stabil und zufrieden zu leben. Dennoch kann in vielen Fällen eine stationäre Wohnform mit ihren umfassenden Möglichkeiten sehr zur Verbesserung der Lebenssituation beitragen. Wichtig ist es immer wieder zu verdeutlichen, dass ein Wohnheimaufenthalt eine Unterstützung für eine vorübergehende Lebensphase ist und keineswegs die Endstation.
Britta Asch / Heimleitung Worringer Reitweg
Alltag im Worringer Reitweg
Jahrzehntelange Psychiatrie- und Suchtkarrieren haben viele Bewohner des Worringer Reitwegs erlebt. Ungünstige Bedingungen, wie ein Leben in Obdachlosigkeit oder Zeiten der Inhaftierung, sind meist Teil ihrer Biografien. Diese Lebensumstände führen oft zu körperlichen Einschränkungen und Krankheiten. Daher ist die Sicherung des Überlebens häufig das wesentliche Ziel der Arbeit. So schnell dieses Ziel benannt ist, so schwierig ist es im Arbeitsalltag zu erreichen. Die tägliche Konfrontation mit lebensbedrohlichen Erkrankungen, das Bemühen um den Erhalt von Lebensqualität und der Umgang mit den Zukunftsängsten der Bewohner erfordern großes Engagement und Motivation seitens der Mitarbeiter. Wenn sie erkennen müssen, dass Erkrankungen sich manifestieren oder verschlimmern, ist nicht Resignation am Platz, sondern das gemeinsame Finden von Kompromissen und Wegen. Das fordert von Mitarbeitern oft ein besonderes Maß an Auseinandersetzung und zeigt die Grenzen der Arbeit ebenso auf, wie die persönlichen Grenzen. Die Balance zwischen dem Erhalt der Eigenverantwortung der Bewohner und der notwendigen Unterstützung von Mitarbeiterseite zu finden, macht den Schwerpunkt der Arbeit aus.
Britta Asch, Heimleitung und Kolja Ruhl, Erzieher, Worringer Reitweg
Forensik in Duisburg-Hohenbudberg – aber sicher!
Einsparungen bei den Baukosten, Einsparungen bei den Betriebskosten und dennoch Sicherheit und Therapie. Ist das möglich? „Die Zahl der Patienten steigt rasant (…). Doch weder hat die Zahl schwerer Gewaltdelikte wesentlich zugenommen, noch die Zahl der schwer psychisch Kranken. Was sich aber verändert, ist das Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung“, so der Leiter der forensischen Klinik in Hamburg-Ochsenzoll, Guntram Knecht, in einem Spiegel-Interview (Der Spiegel, 27/2006, S. 116) zur bundesweiten Situation.
In Duisburg ist jetzt die geplante Sporthalle in Duisburg-Hohenbudberg den Sparmaßnahmen zum Opfer gefallen. Der Klinikträger hat dies unter der Voraussetzung akzeptiert, dass die Sporthalle gebaut wird, wenn die veranschlagten Baukosten unterschritten werden. Darüber hinaus soll bei den Betriebskosten gespart werden. Wesentliche Einsparungen sind aber nur bei den Personalkosten möglich. Niedrigere Eingruppierungen, weniger oder geringer qualifiziertes Personal kommen dabei als Mittel zur Zielerreichung in Frage.
Was bedeutet das im forensischen Alltag? Höhere Einschlusszeiten – nicht nur nachts – aufgrund Personalmangels gewährleisten dann Anwesenheit und Überwachung, sie ermöglichen aber keine Beziehungsarbeit. Bei den suchtkranken Straftätern, die nach §64 StGB (Strafgesetzbuch) untergebracht sind, wird die Verweildauer in der Klinik vom Gericht sogar vorgegeben, so dass nicht gut genutzte Zeit verschwendete Zeit sein kann, weil Therapieerfolge nicht erreicht werden.
Patienten in der Forensik sind Personen, die zum Zeitpunkt ihres Vergehens wegen einer psychischen Störung entweder vermindert oder gänzlich schuldunfähig waren. Eine Wendung zum Besseren, so zeigt es die Erfahrung, ist im Wesentlichen durch Therapie und durch Konfrontation mit der Tat zu erreichen. Therapie verringert die Rückfallgefahr und ist somit für die Sicherheit der Bevölkerung erfolgreicher, als hohe Zäune. Was kann ein eingesperrter Mensch den ganzen Tag tun, wenn ihm Therapiemöglichkeiten und sportliche Aktivitäten, die als Katalysator oft hohe Wirkung zeigen, kaum noch zur Verfügung gestellt oder sogar ganz verweigert werden?
Mit dem reduzierten Konzept der Landesregierung, wie es nun in NRW verwirklicht werden soll, wird die Fachkompetenz, die auf Erfahrung basiert, dem Populismus und der „gefühlten Sicherheit“ der Bevölkerung geopfert. So werden auf lange Sicht die neuen Kliniken voller werden und es bleiben, weil Entlassungen ohne therapeutische Erfolge zu risikoreich sind und die Rückfallgefahr kaum beurteilt werden kann. In wenigen Jahren müssen dann – aus Platzgründen – neue Kliniken gebaut werden. Oder ist der nächste Schritt der, dass man doch einfach alle für immer wegschließt?
Elisabeth Hofmann, Geschäftsführerin Regenbogen Duisburg GmbH
Rüdiger Szapons, Geschäftsführer Regenbogen Junior gGmbH